Ich heiße Alex

Mein Leben war geprägt von unzähligen Abnehmversuchen. 2012 habe ich mal mit einem Abnehmprogramm 50 kg verloren, bis dato mein größter Erfolg. Aber stets hatte ich die Kilos in kurzer Zeit mindestens wieder drauf. Dann hab ich mich irgendwann nicht mehr gewogen, weil ich Angst vor der Zahl auf der Waage hatte. Aber es müssen so um die 190 kg gewesen sein.

Mein Alltag war geprägt durch Schmerzen. Ich habe es vermieden Treppen zu steigen.

Morgens benötigte ich 30 Minuten, um überhaupt aus dem Bett aufzustehen. An Sport war überhaupt nicht zu denken. Allein das Anziehen der Schuhe kostete mich wahnsinnig viel Kraft.

Das Bauchfett drückte auf meine Blase, was zur Folge hatte, dass ich unter Inkontinenz litt. Gefühle wie Scham und Einsamkeit waren ständig präsent. Es gab eben nur die "dicke Alex" – irgendwann hatte ich mich mit meinem Schicksal abgefunden und meinte, Leid und Schmerzen wohl irgendwie verdient zu haben.

Es gab eben nur die dicke Alex

Alex, Adipositas Patientin aus Hamburg

Für mich ist Wissen der Schlüssel

Alex, Adipositas Patientin aus Hamburg

Zum Glück öffnete ich mich irgendwann meiner Hausärztin, und alles änderte sich. Sie hat mich aufgefangen, als ich gar nicht mehr konnte und weinend im Wartezimmer zusammenbrach, ohne Hoffnung auf Besserung und ein schmerzfreies "normales" Leben. Mit ihrer Hilfe habe ich nach Jahren voller Abnehmversuche einen Termin in einem Adipositas-Zentrum gemacht.

Als ich mich dort vorstellte, habe ich mich erstmals verstanden und aufgehoben gefühlt. Das fing im Wartebereich mit den extrabreiten Stühlen an und setzte sich bei der Betreuung durch die Berater und Ärzte vor Ort fort. Ich hatte das Gefühl, eine Last fiel ab von meinen Schultern. Und ich habe begonnen, wieder an mich zu glauben, habe angefangen, mich zu informieren, Artikel zu lesen, mit anderen Betroffenen, Ernährungsberatern und Ärzten zu sprechen.

Ich würde sagen: Wissen war für mich der Schlüssel. Erst als ich begann, zu verstehen, wie unser Körper tickt und dass es ihm nie darum geht, sich selbst zu schaden oder zu bestrafen, sondern zu überleben, konnte ich mein Übergewicht akzeptieren.

Der Spaß an Bewegung kam zurück

Heute hat sich mein Gewicht etwa bei ca. 86 kg eingependelt. Laut BMI immer noch übergewichtig, aber ohne die überschüssige Haut, die nach so einer schnellen Gewichtsreduktion nicht ausbleibt, läge ich im Normbereich. Aber das ist ja nur eine Zahl. Meine Lebensqualität hat sich um 100% gesteigert. Ich habe den Spaß an der Bewegung und am Leben wiederentdeckt, auch wenn mein Kopf noch nicht ganz hinterher kommt. Jeder neue Tag bringt neue Abenteuer und mich einen Stück weiter auf meinem Weg zu mir selbst.

Die Veränderung zieht sich komplett durch alle Bereiche meines Lebens. Ich darf mich neu erfinden und meinen Körper ganz neu kennenlernen. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar.

Für andere Betroffene wünsche ich mir, dass sie früher als ich erkennen, dass es einen Ausweg gibt. Deshalb engagiere ich mich bei der IGG und erzähle meine Geschichte. Ich habe das Ziel, diesen Menschen zu helfen, die gefühlt in der Sackgasse ihres Lebens stehen. Denn wenn man überhaupt erstmal versteht, dass man professionelle Hilfe benötigt, dann ist der erste Schritt zur Besserung eigentlich schon getan.